Die OP gestern

War lang… sehr lang, aber ich war unglaublich froh, als alles vorbei gewesen ist und ich in den Aufwachraum kam. Im Aufwachraum war ich deshalb, weil nach dem Einsetzen der Elektroden direkt der Stimulator eingesetzt wurde – und dieser Teil der OP erfolgte unter Vollnarkose. Doch nun der Reihe nach: zunächst die wichtige Info – es war alles so, wie vorab durch das Team der Unimedizin angekündigt. Es gab keine Überraschung. Wir starteten ca 08:15 Uhr mit der Montage des Stereotaxierahmens. Ich bekam an vier Stellen meines Kopfes eine lokale Betäubung. Die hielt die gesamte Operation. Auf Nachfrage sagte der Neurochirurg, dass es ihm in den letzten 15 Jshren nur einmal vorgekommen sei, dass er hierbei unter der eigentlichen OP nachspritzen musste… Beruhigend… Aber der Rahmen ist auch ein angsteinfössendes Hilfsmittel. Nachdem alles montiert war, brachte mich der Neurochirurg zum CT. Dort musste ich ein paar Minuten warten. Das eigentliche CT war dann schnell gemacht. Drei Minuten höchstens. Und die erste Möglichkeit, den Komfort des Rahmens kennenzulernen. Es war tatsächlich so, dass man seinen Kopf ohne Schmerzen hängen lassen kann. Obwohl ich mir das vorher nicht vorstellen konnte. Ich hatte also eine Idee, wie ich mich während der OP fühlen würde…

Nach dem CT ging es in den OP. Dort habe ich auch nochmal ca. eine Stunde gewartet, weil der OP doch durch eine kurzfristige OP blockiert war. Aber es gab ein paar nette Mitarbeiter, die mir die Wartezeit erträglich gemacht haben…

Dann ging es los: ab in die OP Vorbereitung mit viel Pieksen und Zwacken. An beiden Händen venöse Zugänge, am linken Arm ein arterieller Zugang. Dann hat mir der Chrirurg die Haare dort rasiert, wo er später arbeiten würde (er hatte in meiner Wartezeit nochmal den exakten Weg für die Elektrode festgelegt). Dann ging es ans Eingemachte. Ich wurde in den OP geschoben. Es lag eine erwartungsvolle Spannung in der Luft. Ich weiß nicht mehr genau, zu welcher Zeit das erste Bohrloch gemacht wurde. Das war der für mich Moment, vor dem ich den größten Respekt hatte. Jeder, der schon mal ein Loch in eine Regipswand gebohrt hat, weiß wie es ist, wenn man mit zuviel Schmackes bohrt. Man rauscht durch die Hohlräume dahinter wie nix gutes. Hinter meinem Schädel ist aber nun mal erwiesenermaßen kein Hohlraum! Sondern, und das beruhigt an der Stelle nicht wirklich, schmerzunempfindliche Hirnmasse, die natürlich andere Funktionen hat, als Bohrer aufzufangen. alles ging schneller als Gedacht und bevor ich mich versah, hatte der Neurologe bereits die erste Testelektrode begann zu testen. Hier war ich jetzt gefragt: ich musste zeichnen, schreiben und bestimmte Dinge aufzählen… und ich habe gemerkt, dass dies wirklich Sinn macht, weil bei unterschiedlicher Position und Stärke der Impulse unterschiedliche Resultate aufs Papier kamen. Endlich hatte der Professor die richtige Position gefunden. Das Zittern war fast vollständig weg. Und das unter solch einer stressigen Situation! Wahnsinn!

Dann wurde die endgültige Elektrode gesetzt und nochmals getestet. Dann erfolgte das Verschließen des Loches. Als alles fertig war, wusste ich, dass ich die Hälfte der Zeit hinter mir hatte.

Die zweite Hälfte lief genau nach dem gleichen Schema ab. Wir hatten allerdings einen Effekt, den wir in der ersten Runde nicht hatten. In der rechten Hirnhälfte sprach ich viel schneller auf die Stimulation an. Ich konnte plötzlich meine Linke Körperhälfte nicht mehr kontrollieren und kaum sprechen – das war schon Spooky. Aber sobald die Stimulation ausgeschaltet wurde, war alles wieder gut.

Irgendwas war anders mit der rechten Hirnhälfte, aber keiner war offensichtlich Irritiert. Neurologe und Neurochirurg haben sich kurz zurückgezogen und beraten. Dann wurde die besprochenen Schritte durchgeführt.

Beim Nähen des zweiten Loches hatte ich tatsächlich mehr Schmerzen als erwartet. Ich bekam direkt noch lokale Betäubung nachgespritzt und alles war wieder aushaltbar. Als das zweite Loch zu war, wurde der Stereotaxierahmen abgeschraubt und ich konnte meinen Kopf endlich wieder ablegen. Das muss so gegen halb vier gewesen sein.

Jetzt ging es noch kurz darum, ob der zweite Teil (Einsetzen des Stimulators und verbinden mit den Elektroden) durchgeführt wird. Ich habe wahrgenommen, dass es da eine kurze Besprechung durchgeführt wurde… Aber letztlich kam ich dran. Der Chirurg lies keinen Zweifel zu – das war mein Eindruck. Er hat sich nur eine kurze Pause genommen. Immerhin war er seit vielen Stunden ununterbrochen mit mir beschäftigt..

Im OP wurde es gefühlt kälter. Wahrscheinlich, weil kein Adrenalin mehr ausgeschüttet wurde… ich bat um eine zusätzliche Wärmedecke. Doch bevor ich diese bekam, schlief ich schon ein und wachte etwas desorientiert auf. Ich fühlte mich richtig gut und wollte nur noch zu meiner Frau, die draußen wartete…

Aber ich war dann noch für eine Zeit im Aufwachraum unter medizinischer Betreuung. Dann ging es zurück auf Station. Und – natürlich war meine Frau da. Und ich auch – wie ich es versprochen habe 😃.

Alles in Allem ein anstrengender und erfüllter Tag! Die darauf folgende Nacht war noch etwas anstrengend, weil ich nicht schlafen konnte und lieber die ganze Nacht eure lieben Reaktionen verfolgt habe – zudem haben die Wunden dann doch etwas geschmerzt (dagegen gab es eine Schmerztablette und dann war alles gut.

Am nächsten Tag stand ich in der Cafeteria der Unimedizin und tat etwas, was seit Jahren undenkbar war. Ich hielt eine volle Tasse Kaffee mit nur einer Hand! Sie zitterte nicht. Obwohl der Stimulator nicht eingeschaltet war. Das liegt am Setzeffekt – d. H. Einem erwarteten Effekt. Die stimulierten Areale haben noch genug Stimulation von den Elektroden an sich…

Aber irgendwann muss der Strom fließen. Nächste Woche!

Liebe Grüße und Danke für eure Unterstützung!

Ben

Schaut mal ich, keine 24 Stunden nach der OP!

3 Kommentare zu „Die OP gestern

  1. Hi Ben,
    Ich bin sprachlos und echt froh, dass alles geklappt hat, wie geplant! Das ist echt unglaublich, wenn man deine Beitröge liest, kann man sich alles genau vorstellen. Wir müssen unbedingt das zitterfreie Kaffe- oder Weintrinken diesen Sommer gemeinsam ausprobieren! Am besten bei einer Runde Pictionary 😉 Vielleicht mal bei uns? Ganz liebe Grüße an euch alle. Jill

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  2. Hallo Ben,
    nachdem wir uns gestern bereits am Tag nach der OP begegnet sind und ich mich von Ihrer top-Verfassung überzeugen konnte, war es besonders spannend, Ihren Bericht zu lesen. Und hilfreich noch dazu im Hinblick auf meine eigene beabsichtigte OP. Vor allem die Passage mit den zwischenzeitlichen Sprachstörungen und deren problemlose Korrektur wird mir helfen, wenn ähnliches bei mir vorkommt
    Kompliment übrigens für Ihren anschaulichen Schreibstil.
    Alles Gute
    Fred

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